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Fortsetzung meines letzten Berichtes über die Wandbilder in der Kirche St. Jakob in Kastelaz bei Tramin in Südtirol:

Das romanische Langhaus, in dem sich die im letzten Beitrag gezeigten und erläuterten Apsisbilder befinden, zeigt auf der gesamten Nordwand übereinander zwei monumentale Szenen. Im oberen Bereich befindet sich eine Kreuzigungsszene, im 14. Jahrhundert im Stil der Gotik gemalt, während die spätromanischen Fresken der Apsis um 1215 / 1220 datiert werden.

Unterhalb der Ornamentleiste sieht man schon in diesem Bild die Hauptattraktion – David hat den Goliath zu Fall gebracht und schlägt diesem, mit dem Schwert des Riesen, den Kopf ab.

Im 15. Jahrhundert kam es zu einer Vergrößerung der Kirche, indem man an die Südseite ein gotisches Seitenschiff anbaute und mit dem Turm verband. Der romanische Kirchenbau des 11. Jahrhunderts war an einem Höhepunkt der Wallfahrtsbewegung nach Santiago de Compostella entstanden. Wohl in Verbindung mit einer Burganlage, die 1279 durch Graf Meinhard II. von Tirol zerstört wurde, als er seinen Einfluss gegen die Bischöfe von Trient auszudehnen suchte.

Die gotischen Fresken im südlichen Seitenschiff sind mittels einer Inschrift auf 1441 datiert, noch bevor der heute als Hauptportal benutzte Eingang um 1500 entstand. Die gut erhaltene Szene zeigt eine Pilgergruppe, wie sie vom Kirchenpatron Jakobus empfangen wird.

Mit nur einem Schritt steigt man vom romanischen Langhaus in das gotische Seitenschiff – unter einem Gurtbogen hindurch, der mit einer medaillonartigen Bilderfolge bemalt ist. An dieser wird der belehrende und erzieherische Charakter der Fresken besonders deutlich. Im Scheitelpunkt des Bogens ist Gottvater abgebildet, dann folgen die fünf klugen und die fünf törichten Jungfrauen aus dem bekannten Gleichnis des Matthäusevangeliums als Mahnung für Standhaftigkeit und Bereitschaft. Die untersten Bilder illustrieren die Opfer von Kain und Abel.

Die Bogenwand des Seitenschiffs zeigt weitgespannt eine Marienszene – die Madonna mit dem Kind inmitten des von einer Mauer umgebenen “Paradiesgartens”. Diese Arbeit entspringt einer höfisch ausgerichteten und der Hohen Minne verwandten Religiosität der Hochgotik. Der zeitliche Wandel der Kunst wird hier im Vergleich zu den romanischen “Bestiarien” überaus deutlich, nur ein halbes Jahrhundert nach diesen Fresken beginnt doch bereits die Neuzeit mit ihren gewaltigen Umwälzungen. Der verschlossene Garten gilt als Sinnbild für die Jungfräulichkeit Mariens, Engel leisten ihr Gesellschaft, auf den Mauerzinnen ist der Text des “Gloria” zu lesen, und ganz rechts deutet der mit dem Fuchs spielende Hase den paradiesischen Frieden an.

Ganz reizend wirkt der kleine Engel, der links im Bild das Tor zum Paradiesgarten einladend geöffnet hält.

Das gemeinsam mit dem Bild des Gewölbebogens vorhin gezeigte Kreuzrippengewölbe ist mit besonders gut erhaltenen gotischen Fresken bedeckt. Während die Fresken der Altarwand erst nach 1973 zum Vorschein kamen,  wurden die Deckenfresken schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts freigelegt. Sie zeigen neben Evangelisten und Kirchenvätern auch vier Engel, die auf Schriftbändern das Lob Gottes verkünden. Kurios – drei davon sind mit wallenden Kleidern versehen, der Engel im altarnahen Ausschnitt aber nur mit seinen Flügeln! Wie bei mehreren anderen Szenen muss man genau hinschauen, und ohne Hilfe des Kirchenführers, aus dem ich zitiere, blieben Einzelheiten und selbstverständlich die Deutungen der Bilder nur unzureichend erlebbar…

Den Abschluss für meine Wandertipp-Kunstbetrachtung habe ich wieder aus dem kompakten und zugleich überaus informativen Kirchenführer herausgelesen, und zum Glück haben wir das Bild beim Fotografieren nicht übersehen!

Es befindet sich an der Westwand neben dem Kirchenportal und zeigt die erst Anfang des 15. Jahrhunderts greifbar gewordene “Hühnerlegende” (ich zitiere aus dem aufliegenden Kirchenführer nach Verena Friedrich, Kunstverlag Peda – Passau): In dieser Legende wird von einer Begebenheit berichtet, die einer Familie auf dem Pilgerweg nach Santiago widerfuhr. In einer Herberge versteckte der Wirt in deren Gepäck einen Silberbecher. Nach ihrer Abreise wurde der vermeintliche Raub bemerkt, der Sohn der Pilger gefangen genommen, verurteilt und schließlich gehängt. Die Eltern pilgerten allein weiter. Als sie nach 36 Tagen aus Compostela zurückkamen, fanden sie ihren Sohn lebend am Galgen hängen! Der hl. Jakobus hatte ihn die ganze Zeit über gestützt und so am Leben erhalten. Daraufhin wurde der Wirt zur Verantwortung gezogen und gehängt. Eine Ausschmückung der Legende (zur Zeit der Freskierung vermutlich aktuell) berichtet dazu – als die Eltern ihren Sohn noch am Leben fanden, teilten sie dieses Wunder dem Richter mit. Dieser saß gerade zu Tisch bei einem gebratenen Huhn. Er glaubte den Pilgern nicht und meinte: “Euer Sohn ist so lebendig, wie dieses Huhn auf meinem Tisch!” Daraufhin soll das Huhn davongeflogen sein, der Richter erkannte seinen Irrtum ebenso wie das Wunder und übte Gerechtigkeit für die falsche Beschuldigung des Wirtes…

So schließt sich der Kreis von den Jakobspilgern in der Kirche St. Jakob auf Kastelaz, und die zahllosen Pilger auf den modernen Jakobswegen werden ja wohl auch eigene Wunder während ihrer langen Wallfahrt zum hl. Jakobus erleben können. Erzählfreude gibt es ja aktuell dazu genug, auch wenn medienattraktiv nur kleine Stücke davon eingefangen werden. Anni hat eine solche Pilgerreise schon mitgemacht, allerdings ohne Kamerabegleitung und nur mit einigen Fotos für´s Familienalbum. Unsere Freunde Wolfgang und Helga Wald, beide ausdauernde Waldviertler und in Eschenau an der Traisen NÖ ansässig, sind aber wirklich in mehrjährigen Etappen von Wien bis nach Santiago und ans “Ende der Welt” (Finisterre) zu Fuß und ohne Marscherleichterungen unterwegs gewesen!

Aus DUMONT Kunstreiseführer: Auf einem mit Reben bedeckten Hügel knapp oberhalb Tramins erhebt sich weithin sichtbar die Kirche ST. JAKOB IN KASTEL(L)AZ. Sie enthält den bedeutendsten Kunstschatz des Unterlandes: einen Freskenzyklus aus dem frühen 13. Jahrhundert, der mit seinen Bestiarien eine in den erhaltenen Wandmalereien der Romanik einmalige Darstellung besitzt.

Waren wir bei unseren zweimaligen Besuchen in Kastelaz (so die einheimische Schreibweise) schon überaus beeindruckt von den überwiegend gut erhaltenen Wandbildern, so hat  die Deutung der teilweise obskur wirkenden Darstellungen (“Bestiarium” laut DUMONT) im dort aufliegenden Kirchenführer (Verena Friedrich / Kunstverlag Pada – Passau) mein äußerstes Interesse geweckt. Die Zusammenfassung in bezug auf unsere Bilder folgt nun:

Apsis in der Ostwand der Jakobskirche

Der unterste Bildstreifen (als eine Art “Bestiarium”) zeigt zwei Gruppen von Fabelwesen, getrennt durch freie Stelle des früheren Altars. Sie befinden sich sozusagen im Keller der Welt und wurden früher als Symbol für Bosheit und Genussucht interpretiert. Als Bildpredigten für des Lesens Unkundige – an erster Stelle stand die Warnung vor Fehlverhalten und dessen schädlichen Folgen. Die Mischwesen könnten auch die menschlichen Laster darstellen. Oder sie zeigen Vertreter jener geheimnisvollen Völker, die an den äußersten Grenzen der Welt siedelten und zu welchen die von den Aposteln (im mittleren Bildstreifen) verkündigte Lehre Christi (im Scheitel der Apsis) noch nicht vorgedrungen sei.

Das linke Mischwesen aus Mensch, Vogel und Fisch (durch die phrygische Mütze als heidnischer Bewohner der östlichen Erdgrenze erkennbar) besitzt unbändige Kräfte und kämpft gleichzeitig gegen einen Kentauren (Mischung aus Ross und Mensch, dieser versucht gerade eines der beiden Vogelbeine auszureißen) und gegen einen Bogenschützen (Fisch und Mensch), den er mit seinem Feueratem unschädlich machen will. Zudem hält er in der Rechten die gefürchtete indische Schlange Manticora, gegen deren Gift kein Kraut gewachsen ist. Welche Stellung der Hundsköpfige einnimmt (unheimlicher Kopf direkt auf dem Gesäß aufsitzend, dazu menschliche Beine in Strümpfen und Schuhen) bleibt offen…

Rechts von der ehemaligen Altarstelle treten als Nebenaktöre  zwei Wasserschlangen auf, die eine wird von dem Hundsköpfigen (sogenannter Kynokephale, ebenfalls Vertreter eines sagenhaften Grenzvolkes) verschlungen, die andere doppelschweifige beißt den Delfinreiter in die Wade – warum? was dem mittelalterlichen Bildbetrachter sicher bekannt, wir wissen es nicht mehr (müssen sogar die Fachleute zugeben). Die Hundsköpfigen waren Halbmenschen, die sich zwar nur durch Bellen verständigten und von Fischen lebten, aber nach Meinung mittelalterlicher Theologen bekehrenswürdig waren.

Die beiden mittleren Gestalten des rechten “Apsiskellers” sind in ihrem Symbolgehalt verwandt: Die Fischfrau oder Sirene ist die Vertreterin der weiblichen, der Delfinreiter der Vertreter der männlichen Sexualität. Die Sirenen galten als Meisterinnen der Verführung, weshalb sie auch mit geöffneten Flossen dargestellt wurden (man denke an das Odysseus-Epos), die Meerjungfrau von St. Jakob hat die Flossen gekreuzt, vermutlich eine Aufforderung zur Selbstbeherrschung. Der durch eine später angebrachte Nische (ähnlich einem Sakramentshäuschen) beschädigte Schattenfüssler ist eine nicht deutbare Kuriosität, von der schon griechische und römische Geschichtsschreiber wussten. Am Rand der Welt daheim, hielt er der glühenden Hitze (der Sahara) stand, dazu diente ihm der einzige Riesenfuß, den er wie einen Sonnenschirm ausbreiten und auf dem er vor Feinden blitzschnell davonhüpfen konnte. Die Attacke eines gehörnten Wesens (ein Meeresnashorn?) scheint er noch nicht zu bemerken.

Auf dem Bild vorher ist schon die Figur an der rechten Seite der Apsis aufgefallen. Sie ist wie ihr Gegenstück an der linken Seite der Apsis sehr groß dargestellt und stark gekrümmt von der mit Kopf und Händen getragenen Last. Beide sind als Atlanten anzusehen und wurden als das aus dem Paradies vertriebene Stammelternpaar angesehen, allerdings nackt und in offensichtlich vorgerücktem Alter (im Gegensatz dazu wurden Adam und Eva nach dem Sündenfall stets bekleidet dargestellt).

Auch die mittlere Zone der Apsis ist noch nicht von Fabelwesen frei, denn oberhalb des (mit Schuhen versehenen!) Adams befindet sich eine verführerische Vogelsirene (in der griechischen Mythologie auch Totenengel), und oberhalb von Eva ist das männliche Pendant zur Sirene abgebildet – ein Ziegenfisch, dessen einziges langes Horn wohl die sexuelle Aggressivität darstellen soll.

Doch nun begeben sich die Bilddarstellungen schon in die eher menschlichen Sphäre, wenn auch in überhöhter Form der zwölf Apostel. Diese sind zu Paaren beiderseits des Apsisfensters (dieses diente früher als symbolischer Lichteinfall hinter dem Altar) aufgereiht, aber nicht in Art von Ikonen, sondern in lebhaftem Disput vertieft.

Die bekrönende Apsiskalotte ist der Majestät Gottes gewidmet, die alles Leben überstrahlt, dargestellt in aus byzanthinischen und frühromanischen Kirchen bekannter Art. Christus als Weltenherrscher auf dem Thron, seine gottgleiche Herrlichkeit durch die regenbogenfarbige Mandorla ausgedrückt, umgeben von den Evangelisten. Johannes der Täufer und die Gottesmutter Maria daneben sollen beim Weltengericht Fürbitte für die Menschheit leisten. Dies höchste Bildzone ist allerdings (im Gegensatz zur tiefsten) in einem eher schlechten Zustand erhalten. Eine ähnliche Darstellung findet man auch in St. Jakob in Grissian, während wir die “Bestiarien” auch in der romanischen Kapelle von San Romedio am Nonsberg gesehen haben.

Was uns an Südtirol so interessiert, dass wir wie viele andere Gäste immer wieder gern dorthin kommen? Auf den einfachsten Nenner gebracht – Landschaft & Geschichte, dazu natürlich auch zu passender Zeit die Welt der Alpenblumen. So haben wir im Gästebuch von Irmgard und Sepp Pircher ( “Hofmannshof” in Lana) heuer schon den siebenten Aufenthalt gezählt!

Tramin an der Weinstraße – immer wieder ein bevorzugtes Ziel! Vom zentral neben Meran gelegenen Lana aus ist die Auswahl der Tourenmöglichkeiten außerdem sehr vielfältig. Ob der Vinschgau mit den Hochtälern bis in die Ortlergruppe oder die von uns geradezu “erforschten” Waalwege. Neben der näheren Umgebung lockt vor allem auch das Überetsch, von Eppan angefangen, sowohl wegen seiner lieblichen “Weinlandschaft” als auch mit seinen romantischen Ortsbildern. Am weitesten in dieser Richtung sind wir bis nach Tramin gekommen.

St. Jakob auf Kastelaz oberhalb von Tramin

Die Weine von Tramin haben seit jeher Weltgeltung, vergleichbar mit dem Ungarischen Tokayer oder einigen österreichischen Besonderheiten, der Gewürztraminer hält den Ort sozusagen in seinem Namen fest. Indem wir uns jedesmal auch einige kunsthistorische Ziele vornehmen, sind wir in Tramin auch am richtigen Platz, noch dazu weil die uns besser bekannten Jakobskirchen – an einem Jakobsweg nach Santiago de Compostella gelegen – mit ihren romanischen Fresken zu den bedeutendsten in Südtirol gehören. Über Grissian habe ich schon berichtet, und in diesem Urlaub fanden wir in San Romedio am Nonsberg gleich ein vergleichbares Bild.

Noch bevor die Hochblüte der Gotik in Baukunst und Malerei einsetzte, hat die Zeit der Romanik einzigartige Spuren hinterlassen, eine bizarre Bilderwelt, die in den religiösen Vorstellungen dieser archaisch wirkenden Kunstepoche wurzelt. Im vorigen Bild von San Romedio – eigenartige Mischwesen von Mensch und Tier, alle auch von symbolischer Bedeutung, wie sie besonders anschaulich im Kirchenführer von St. Jakob in Kastelaz nachzulesen ist. Wie immer muss ich mir bei dieser Gelegenheit vornehmen, vor einer Besichtigung die Spezialliteratur durchzusehen oder als allererstes den Kirchenführer anzuschauen! Das lohnt sich wegen dem besseren Verständnis und weil man nicht etwas ganz Hervorragendes übersehen kann. In Tramin hatten wir heuer den Vorteil, bereits 2008 fleißig fotografiert zu haben, die  damaligen Bilder (Olypus Superzoom) erwiesen sich nämlich als viel problemloser als die heurigen (Coolpix 500/510), wobei es selbstverständlich auf die Lichtverhältnisse ankommt, auch wenn an sich für mich stimmt “digital ist meist ideal”!

AB Blick von Tramin gegen Kastelaz und die Jakobskirche

So fuhren wir also in der Mitte der zweiten Urlaubswoche (25. Oktober 2017) auf der bekannten Route über Eppan und Kaltern gegen Tramin, auf der Südtiroler Weinstraße, allein schon das ein Landschaftserlebnis der Sonderklasse und aus unserer Sicht der überlasteten Autobahn über  Bozen vorzuziehen. Vorbei an den Abzweigungen zum Kalterer See gelangt man an eine Straßenkreuzung mit einer höher am Hang des “Mendelgebirges” verlaufenden Seitenstraße (dort besuchten wir einmal die Burgkirchenanlage von St. Peter), und hier geht es gleich rechts ab nach Kastelaz, sozusagen einem höher am Hang gelegenen Vorort von Tramin.

Wegweiser zeigen schon die Route zu der berühmten Kirche, ein großer Parkplatz steht zur Verfügung, und dann geht man gemütlich durch die malerische Ansiedlung bergwärts, nach freundlicher Auskunft etwas links haltend und dann eine Art Kirchenstiege hinauf. Die große Pfarrkirche von Tramin liegt schon tiefer, die Weinrieden sind zwischen alten Gehöften eingebettet, zuletzt erfolgt der Ausstieg zu einem kleinen Platz mit Brunnen, und mit ein paar Schritten rechts stehen wir vor der Jakobskirche von Kastelaz.

AB Brunnen und Jakobskirche

Fast rituell ist zunächst ein Rundgang um die Kirche, und dabei wird die Gliederung des im 11. Jh. (wie ich vermute auf einer frühgeschichtlichen und antiken Kultstätte) begonnenen und ursprünglich in eine Wehranlage einbezogenen Bauwerks deutlich:  Vor uns sehen wir den jüngsten Teil, das gotische südliche Seitenschiff aus dem 14. Jh., daneben der gut 300 Jahre ältere massive Turm. Dahinter und vom Zugang her versteckt befindet sich das romanische Langhaus, versehen mit einer Apsis und einem jüngeren Sakristeianbau.

AB Turmportal und Apsis

Die Kirche betritt man durch das südseitige Portal und wird – obwohl in den reich mit Fresken ausgestatten gotischen Teil tretend – sofort gefesselt von  einer liegenden Gigantenfigur, die fast die ganze untere Längswand des romanischen Langhauses einnimmt.

Der Hirtenjunge David hat mit einer Steinschleuder den Riesen Golith zu Boden gestreckt und vollendet seinen Sieg, in dem er dem Riesen mit dessen eigenem Schwert den Kopf abschlägt. Oberhalb dieser alttestamentlichen Szene steht das monumental wirkende Kreuzungsbild für das neue Testament. Nach dieser ersten Überraschung wendet sich der Blick nach rechts in die ostwärts vorgewölbte Apsis, die in dreistöckigem Aufbau die Geisteswelt von den niedrigsten Stufen bis zur höchsten Vollkommenheit darstellt.

In der untersten Zone bewegen sich zwei Gruppen von Fabelwesen, flankiert von Atlanten (Trägerfiguren), jeweils überhöht von einer weiteren obskuren Gestalt. Im Innern der Apsis finden sich in Paaren die Apostel ein, sozusagen als Stufe der Menschen, die aber bereits dem Höchsten nahe sind. Der thronende Christus im höchsten Abschnitt, dem sogenannten Kalottenfresko, stellt den aus frühromanischen und byzantinischen Kirchen bekannten Weltenrichter dar, außerhalb der Mandorla die Evangelisten sowie Johannes der Täufer und die Gottesmutter Maria.

In das ebenfalls großräumige südliche Seitenschiff zurücktretend, erfolgt der Schritt in die Zeit der Gotik. Die Fresken sind nach 1400 entstanden und südtiroler Künstlern zuzuweisen. Der Unterzug des Trennbogens ist mit zahlreichen medaillonartigen Darstellungen überzogen, das Kreuzrippengewölbe enthält sehr gut erhaltene Darstellungen von Engeln und der vier Evangelisten.

AB Romanisches Langhaus (links), Trennbogen und gotischer Teil

Das Fresko über dem Steinsockel dient zugleich als Altarbild und zeigt die Kreuzigungsszene. Eine Besonderheit haben wir diesmal übersehen, nämlich die Seitenwand des Gewölbes beim Eingangsportal. Auf unseren Bildern von 2008 habe ich diese  (im Kirchenführer gezeigte) Stelle allerdings gefunden und eine Ausschnittsvergrößerung anfertigen können. Es zeigt – dem schon im frühen Mittelalter hoch modernen Jakobsweg entsprechend – eine Pilgergruppe, die von der Erscheinung des Hl. Jakobus empfangen wird. Eine analoge Darstellung neben dem Außenportal haben wir jedoch einfach übersehen (oder sie war nicht mehr so augenfällig).

Eigentlich verwunderlich ist, dass die Jakobskirche offensteht und man nur zu einer Spende aufgefordert wird. Danach treten wir auf den Bergsaum unterhalb von Turm und Apsis hinaus, und von dort aus wird die hervorragende Lage der Kirche besonders fassbar. Weit geht der Blick gegen Norden vom Überetsch bis zu den Bergen im Hintergrund von Bozen und Meran, idyllisch ausgebreitet der Kalterer See, dahinter die Sarntaler Alpen und östlich gegenüber die Berge vor der Latemargruppe mit ihren Steilabstürzen gegen das Etschtal.

Hätten wir nicht zurück zum Parkplatz müssen, wäre die Wanderung gleich weiter ins Ortszentrum von Tramin gegangen. Darüber schreibt Lutterotti in der Südtiroler Landeskunde: Das Dorfbild von Tramin hat trotz der vielen neueren Bauten durchaus den Charakter eines behäbigen Weinbauernortes bewahrt – enge, oft miteinander verwachsene Häusergruppen mit tiefen Kellern und schönen, runden Torbögen, die in einen kleinen Hof führen, aber auch stattlichere Gebäude, denen man noch früheren Glanz ansieht.

Wir besichtigen zunächst noch die Pfarrkirche, deren Turm zu den höchsten in Südtirol gehört (Bilder von Anni), lassen wir uns auch zur Mittagsrast im Vorgarten eines alten, nun eher als Pizzeria fungierenden Gasthauses nieder. Gegenüber steht das Rathaus, und der Stolz Tramins auf seinen Wein ist offenkundig!

Wir wissen jedoch noch um ein weiteres kunsthistorisches Ziel in Tramin, die südlich außerhalb gelegene Friedhofskirche. Auf dem Weg dort hin durch die schmale alte Gasse wird der vorher geschilderte Charakter des Ortes  besonders deutlich:

Die Valentinskirche aus romanisch-gotischer Zeit steht in dem von Weingärten umgebenen Friedhof, leider ist sie versperrt, und außer einem schönen Blick über die Landschaft und einem spärlichen ins Kircheninnere wird uns hier nicht viel geboten. Trotzdem hat sich der Rundweg über die alte obere und untere Ortsstraße schon allein wegen der Bewegung ausgezahlt. Wir können uns auch ruhig Zeit lassen, denn beim Überstellen des Autos von Kastelaz ins Ortszentrum von Tramin haben wir schon die Weinkellerei aufgesucht, eine ganz moderne Anlage, und uns mit einigen Erinnerungsstücken eingedeckt… Übrigens ist uns vorgekommen (wir sind aber keine speziellen Weinkenner, sondern eher Geschmacksgenießer), dass uns jeglicher Traminer heuer besser vorgekommen ist als die Kalterer und Meraner Weine.

Der Pestpatron Hl. Rochus (? mit Hund und weil er auf seine Pestbeule zeigt?) und die Valentinskirche

AB Valentinskirche im Friedhof

Dieser erlebnisreiche Tag endet mit der (gar nicht so schlimmen) Rückfahrt über Kaltern und Eppan zur MEBO beim Schloss Siegmundskron. Abends gibt es “Schnellküche” mit Weißwurst, Forstbier und gebratenen “Keschtn”… dann noch Bilder speichern und nur mehr ausrasten…

Über die Deutung der Fresken von St. Jakob in Kastelaz bringe ich bald einen eigenen Bericht, auch im meinen facebook-Seiten: Bernhard Baumgartner / Autor / Kral-Verlag und Wandertipp bernhard baumgartner

Bei jedem unserer Urlaube in Lana haben wir eine Tour immer wieder unternommen – den alten Schnalstalweg hinauf zum Schloss Juval.

AB Schloss Juval

Blick ins Schnalstal

Seit etlichen Jahren befindet sich Juval im Besitz von Reinhold Messner und ist jetzt eines von mehreren “Messner-Mouintain-Museen” in Südtirol. Man geht aus dem Tal ein bis eineinhalb Stunden hinauf bis zum Schloss, das hoch über dem Vinschgauer Sonnenberg und der Talschlucht des Schnalsbaches förmlich auf einem Hangvorsprung “thront”. Früher führte der Weg ins Schnalstal über Juval, erst später wurde die Straße unten gebaut und neuerdings durch einen Tunnel ersetzt.

Das Wasser zu den Waalen am Sonnenberg wird übrigens vom Walchhof (eigentlich Waalhof) aus dem Schnalsbach entlang der Steilhänge hergeleitet, immer wieder von Steinschlägen  bedroht und daher in verrohrtem Lauf.

Ausgangspunkt für den “Juvalweg” ist der Ort Staben (nahe der Abzweigung ins Schnalstal gibt es einen Parkplatz und Shuttlebus über eine schmale Bergstraße zum Schloss). Als wir der Karte nach das erste Mal den Weg suchten, kamen wir unversehens in die Steilhänge hinein, bis wir entdeckten, dass gleich neben der alten Kirche von Staben an einem Haus der Weg sogar “beschildert” ist (sozusagen ein Straßenschild aus alter Zeit).

Zwischen alten Häusern im Bogen bergwärts, gelangt der vielfach mit Steinen gepflasterte, oft hohlwegartig in den Steilhang gegrabene Saumweg hinauf zum Sonnenberg. Vorher geht es noch zwischen Apfelgärten und unter den “Pergeln” der Weingärten durch. Eine Naturschutztafel weist auf das Biotop Sonnenberg hin – extrem trockene Steilhänge, von Felsstufen durchsetzt, bedeckt mit Trockenrasen und Gebüsch. Es gibt aber anfangs auch viele Edelkastanienbäume, und einmal konnten wir beobachten, wie die dort weidenden Ziegen ganz geschickt die Kastanien aus ihrer stachligen Hülle herausknabberten! Die Aussicht ist jedenfalls ununterbrochen fantastisch, hinab ins Tal auf die Ortschaften und die endlosen Apfelkulturen, gegenüber der Bergkamm gegen das Ultental. Im Frühsommer blühen hier viele seltene Blumen (darunter eine als Pulsatilla alpina angesehene Küchenschelle, die aber unser Freund Prof. Karl Oswald als Spezialist doch für eine Variante der Nickenden Küchenschelle / P. pratensis nigricans hält, die auch etwa in Niederösterreich vorkommt). Bei unserer letzten Tour am 19. Oktober war natürlich alles, noch dazu nach dem heißen und trockenen Sommer, weitgehend verdorrt, nur einzelne Sträucher zeigten ihre bunten Herbstfarben.

Dann queren wir einen Wasserlauf, den Stabener Schnalswaal, gehen aber auf dem Hauptweg weiter und kommen im Bogen durch immer freieres Gelände zum Gasthaus Sonnenhof. Die Wege sind hier gegenüber unserem letzten Besuch etwas verändert, wir gehen auf der neu angelegten Route direkt hinauf zum Schloss Juval und kommen dabei noch durch dessen “Bauerhofgelände” mit allerhand Tieren, dickbauchigen Schweinen und einer Menge Hühnern.

Kakibaum beim Sonnberghof

Das Schloss selbst und das Museum wollen wir nicht mehr besichtigen, aber bis zum Portal in den Gartenhof können wir noch vordringen, auch hier befinden sich überall Statuen aus Reinhold Messners Sammlungen.

Nach einem Blick ins Schnalstal gehen wir denselben Weg ein Stück zurück und rasten an einem einladenden Platz, wo uns ein kleines Tier als Beweis für die klimatische Gunst des Vinsch´ger Sonnenhangs auffällt.

Gottesanbeterin

Beim Gasthof trennen sich die Wege für den Abstieg, wir wählen geradeaus den oberen geradeaus führenden Tscharser Waalweg, zugleich “Vinschger Höhenweg” mit der netten Fußspur, der uns bis nach Kastelbell bringen könnte. Dieser Wanderweg ist bestens ausgebaut und quert mit einigen Aussichtspunkten die Wälder am Sonnenberg – ein ideales Dahinbummeln neben dem munter fließenden Waalwasser, wobei die Neigung manchmal so gering ist, dass man fast meint das Wasser bergauf fließen zu sehen.

In einem schluchtartigen Einschnitt wird das Waalwasser durch eine überbrückende Rinne zur Fortsetzung des Waals geleitet, dann geht es weiter wie gewohnt im flachen Verlauf. Wir verschmähen die abkürzenden Wege zu einem Gasthaus und könnten so bis Kastelbell weitermarschieren. Aber zuvor noch eine weithin zu hörende Besonderheit – eine Waalschelle: Von einem Wasserrad angetrieben schlägt ein Hammer unaufhörlich gegen eine Metallglocke und zeigt so an, dass der Wasserfluss nicht unterbrochen ist. Wenn der Waaler (zur Aufsicht bestellte Person) die Schelle nicht schlagen hört, muss er sich sofort aufmachen, um den Schaden zu beheben, meist den verlegten oder nach Unwettern ausgebrochenen Waal wieder zu reparieren. Man erzählt, viele ausgewanderte Südtiroler würden das Schlagen der Waalschelle selbst in der Ferne noch als “Klang ihrer Heimat” nachempfinden…

Dann führt der Waalweg aus dem Wald heraus zu einer Bergecke, wo ein Asphaltweg von Tschars heraufkommt. Hier brechen wir unsere Waalwanderung ab, denn wenn wir im Tal nicht gerade einen Zug erwischen, könnten wir auch zu Fuß auf dem Radweg nach Staben zurückgehen. Dieser Entschluss erweist sich jedenfalls als höchst angenehm – beim Durchqueren des malerisch am Hang gelegenen Ortes mit seinem hochragenden Kirchturm kommen wir nämlich am “Dorfcafe” vorbei. Die Buchweizentorte dort war ebenso köstlich wie der Kaffee, den wir uns schon ausreichend erwandert hatten!

Von dort oben sind wir hergekommen, und nach ein paar Minuten Wartezeit kommt auch schon ein Zug der famosen Vinscherbahn daher, ein ganz modernes Verkehrsmittel, das zwar den Durchzugsverkehr nicht vermindern wird (obwohl es sogar Pläne zum Anschluss an das Rätische Bahnsystem der Schweiz gibt), sich für Wanderer und sogar Radfahrer aber ganz ideal erweist.

Uns ist schon aufgefallen, dass die Apfelgärten jetzt eifrig bespritzt werden – von Irmgard haben wir dann in unserem Quartier erfahren, dass damit der Blattfall beschleunigt werden soll (indem die Blätter nicht an den Ästen verdorren). Am Sonnenberg (mit dem Stabener Kirchturm ganz rechts unten sichtbar) erkennt man am bunten Baumwuchs, wo die beiden Waale verlaufen, denn dazwischen sind die hellen Felsen und Trockenrasen deutlich zu sehen. Nach ein paar Minuten, kaum dass wir uns  niedergelassen haben, heißt es schon wieder auszusteigen – bequemer würden wir mit der Bahn nach Meran weiterfahren. Aber in Staben parkt ja unser Auto, und an der Töll gibt es wieder den schon im Radio angekündigten Stau…

Vor zwei Wochen hatten wir im Gölsental noch schöne Herbstfarben – golden allerdings nur die Lärchen, aber vor dem schon aufgeblühten Duft-Schneeball in tollem Orange die “durchgewachsene” Unterlage unseres Japanischen Ahorns. Inzwischen verlieren sich die Farben, im Gegensatz zu den Winterblüten samt den Perlen nächtlicher Regentropfen.

Vom Sengenebenberg und von den Wiesen in Höhe von Tarschberg und Staff schaut seit ein paar Tagen schon Schnee herunter, obwohl der angekündigte starke Wintereinbruch im Gölsental noch ausgeblieben ist. Aber vielleicht ist doch hoch oben schon alles verschneit und womöglich mit Raureif überzogen?

Der Wetterbericht versprach für heute (Montag, 27. November) einzelne Aufhellungen, also über Annaberg hinein ins Gebirge! Ötscher und Gemeindealpe sind aber noch völlig zugehüllt, erst am Zellerrain gibt es Hoffnung auf einzelne Wolkenlücken. Ich starte also Richtung Höchbauer (Hechtbauer) bzw. Eisernem Herrgott (Auf der Brach) mit dem Ziel Breimauer. Zunächst geht es die ein paar Zentimeter verschneite Forststraße entlang, und immerhin sind die Zellerhüte auszunehmen.

Riesenfichte vor der Hechtbauernwiese, so dick wie mein Bergstock lang ist!

Die Unterlage des Neuschnees ist inzwischen tiefer geworden, und als ich auf die Wiese hinausstapfe, breche ich schon weit über die Knöchel ein. Kein Problem – hätte ich die schon hergerichteten Schneeschuhe nicht zuhause liegen gelassen! So erspare ich mir den Aufstieg und die Querung zur Brunnsteinalm, denn über den Kamm ziehen immer noch dichte Wolken daher, es schneit immer wieder ein bisschen trotz vereinzelter (eher ganz seltener) Wolkenlöcher…

Die Wiese beim Höchbauern (als “Hechtbauer” früher als höchstes Gehöft Niederösterreichs angesehen) hat ein wunderbares Panorama – wenn die Aussicht halbwegs frei ist. Heute nicht einmal halbwegs, immerhin sieht man Schwarzkogel und Zwieselberg, aber die hohen Gipfel wie Dürrenstein und Kräuterin sind eher nur zu ahnen. Übrigens im Bild die eigenartige Steinschlichtung vor dem als Landhaus hergerichteten Gehöft – ob das der Küchengarten war? Oder ist ein kleiner Stadel einstens drauf gestanden? Näher am Passübergang hätte man sogar auf den Rest eines Wachturms schließen können… Der Bewuchs verrät auch nichts, Sedum könnte allerdings eher für Garten sprechen…

Also drehe ich um, das letzte Bild verrät warum… Eine  Runde um die Lichtung herum beschließt meine kleine “Schneeschnuppertour”. Pech gehabt, eine “meteorologische Fopperei” (wird sich erst noch bewahrheiten), hätte auch schlechter sein können, mit Nebel und Schneetreiben etwa.

So stapfe ich wieder zum Zellerrain zurück und fahre Richtung Erlaufsee – von der so schön am Hang angelegten Straße wirken die Zellerhüte in ihrer ganzen Breite zwar recht eindrucksvoll, aber höchstens als Panorama fotogen, und wo sollte man da auch stehenbleiben können? Beim Seehof vorbeifahrend, bleiben mir fast die Augen stecken – hinter der Gemeindealpe blaut der Himmel, und voller Sonnenschein umspielt den Gipfel!

Ein idealer Fotoplatz am Erlaufsee, wenn man den Brunnstein und die Gemeindealpe im Hintergrund haben will, ist genau bei der Tauchbasis am Seeende, wo man auch kurz parken kann. Also komme ich doch noch zu ein paar Schönwetterbildern, bevor ich über Mariazell und das  Gscheid diese ideale Ausflugsfahrt beschließe.

So stellt man sich eine ideale Alpenlandschaft vor, oder zumindest man wünscht es sich!

Tatsächlich aber werden die Alpen (besonders die vergletscherten) wie in Österreich auch in Italien und ebenso in allen Alpenländern für die Energiegewinnung ausgebeutet. Rücksichtslos? Das mag einmal gewesen sein, wobei ich in Italien den Reschensee mit dem darin versunkenen Dorf Reschen (die abgesiedelten Einwohner nicht einmal ordentlich entschädigt) als Negativbeispiel nennen kann. Auch rund um den Ortler gilt das, vor allem im Ultental, dessen vergletschertes Einzugsgebiet ohnehin eher unwesentlich ist und vom “Gletschersterben” wegen seiner geografischen Lage besonders betroffen wird (Seehöhe maximal 3000 m und keine großflächigen Eisgebiete, eher immer mehr im Erosionsschotter versinkende Hochlagen.

Dass uns dort ein wunderbares Naturerlebnis beschert wurde, hängt wohl am üppigst vorstellbaren “Lärchengold”, aber auch damit zusammen, dass bei der Routenwahl und bei den Fotostandpunkten immer auf Beeinträchtigungen wie Staumauern und leere Speicherbecken geachtet wurde!

AB Weißbrunnersee

Das beste Beispiel sind die vorigen Bilder vom Weißbrunnsee im obersten Ultental! In diesem urigen Gebirgstal waren wir heuer zum dritten Mal, vorher schon zur Krokuszeit auf dem Ultener Höfeweg, einer ganz netten talnahen Wanderung. Diesmal fuhren wir am 20. Oktober von St. Gertraud auf einer schmalen Bergstraße weiter bis zum großen Weißbrunnsee. Ohne diesen Stausee gäbe es wahrscheinlich keine Möglichkeit, bis zum Ausgangspunkt auf 1900 m aufzufahren, wenn auch auf einer asphaltierten und für den öffentlichen Verkehr freigegebenen ehemaligen Werksstraße. Mit Glück hat man keinen Gegenverkehr oder begegnet ihm gerade bei einer Ausweiche… Los ist hier (vor allem im Vergleich zum Sommer) überhaupt nichts, die vor Jahrzehnten mit dem Kraftwerksbau entstandenen “Hotels” sind womöglich nicht einmal in den Sommerferien belegt, trotzdem “Ausflugszielcharakter”. Mit den ersten Schritten in den Lärchenwald hinein, ist jedoch wirklich nur mehr Natur zu spüren.

Sogar das Marterl ist schon im “Winterschlaf”, und nur mehr wenige Wanderer sind unterwegs, die Jahreszeit ist einfach schon zu weit vorgeschritten, aber nur jetzt erlebt man die “goldenen Lärchen”, bevor sie mit dem ersten Schnee ihre Nadeln verlieren. Frost hat es schon gegeben, stellenweise ist sogar noch am späten Vormittag der Boden vereist. Vom aufgestauten Weißbrunnsee, dessen Wasser später talaus noch einmal in einem (jetzt herbstlich leeren) Stausee aufgefangen wird, führt eine Werksseilbahn hoch hinauf zum Grünsee. Der Wanderweg dorthin ist wegen Wintersperre der Höchster Hütte aber nicht begangen, und der Übergang übers Zufrittjoch ins Martelltal wird so spät auch nicht mehr gemacht. Unser klassisch gut ausgebauter Treibsteig wendet sich ohnehin einem näheren Ziel zu. Durch Lärchen-Zirben-Bestände geht es in gemächlichen Kehren hinauf zur Almhütte auf der Mittleren Weißbrunnalm.

Hier befinden wir uns schon in den weiten Karflächen, die oberhalb der Steilstufe vom Tal herauf sich hinzieht bis zum Anstieg der Grate und Gipfel. Im Juni 2006 sind wir ebenfalls hier heraufgewandert, allerdings bei drohenden Gewitterstimmungen, gerade noch bis zur Oberen Weißbrunnalm, wo die Passübergänge nach Rabbi im Val di Sole hinüberführen. Heute wollen wir den kleinen Fischersee aufsuchen, denn hier ist derzeit die ideale Höhe fürs “Lärchengold”, und außerdem haben wir diesen Seitenweg nicht in Erinnerung.

Über einen Hügel zum Seeufer und auf dem kurzen Steindamm weiter, wo ein extrahübscher Rundgang um den See anschließt.

Die alpine Szenerie ist perfekt, Vordergrund mit Seeufer, das die Gipfel im Hintergrund spiegelnde Wasser, dazu ein perfektes Licht – kein Wunder, dass wir vor lauter Fotomotiven schon fast überwältigt werden!

Hier unsere gemischten Bilder!

Die schönste Mittagszeit verfliegt nur so im Oktober, daher gehen wir nicht noch zur Oberen Weißbrunnalm hinauf, sondern folgen dem Zulauf des Fischersees…

AB Seezulauf - aus einer Wasserfassung, wo der Weg zur Oberen Weißbrunnalm hinaufgeht (ein verrohrter Waal eigentlich)

Vor dem Einlauf in den Fischersee haben sich dicke torfartige Ablagerungen gebildet!

Am Rand der spätherbstlich fahl färbigen Wiesen umrunden wir den Kessel der Mittleren Weißbrunnalm und zielen die alte Kaserhütte an, ununterbrochen die schönsten Ausblicke und Lärchen in allen Gestalten, allesamt goldgelb.

Auf der Bank hinter der arg zerfledderten Hütte – nur der Blockbau aus dicken Lärchenstämmen hält sich noch aufrecht – gibt es endlich die verspätete Mittagsjause, Panorama inklusive!

Im Nachmittagslicht geht es dann an den Abstieg, vorbei an der Hütte der Mittleren Weißbrunnalm und hinein in den traumhaft in den späten Sonnenstrahlen leuchtenden Lärchenwald.

Beim Weißbrunnsee angekommen, ist nur mehr spannend, wie die Talfahrt auf der schmalen Bergstraße nach St. Gertraud gelingt – alles bestens, kein Gegenverkehr! Und die Ultentalstraße kommt uns dann schon fast wie eine Autobahn vor… Immer noch ist der Tag klar und schön, wohl DER Höhepunkt dieses Herbstes!

18. Oktober 2017 – wir fahren von Proveis und Laurein kommend (den beiden hochgelegenen Bergdörfern im Deutschnonsberg) talabwärts auf den großen Stausee von San Giustina zu. Unvermittelt wechseln steile Waldhänge zu üppigen Obstterrassen, und in der Ortschaft Revo (von wo einst die Bauern ihr Vieh auf die Weiden von Proveis trieben) zweigen wir rechts ab (Richtung Madonna di Campiglio, so weit an der Südseite der Ortlergruppe sind wir schon!). Auf einer hohen Brücke wird der schluchtartige Zufluss des Noce (bedeutendster Nebenfluss der Etsch von Westen her) überquert. Leider gibt es keinen geeigneten Haltepunkt, und außerdem konzentrieren wir uns schon auf unser Ziel – die für uns unbekannte, aber hier äußerst bedeutsame Wallfahrtsstätte San Romedio.

AB Talstimmung bei Sanzeno oberhalb des Giustina-Stausees

Die Stadt CLES (früher Glöß) wird trotz einiger Sehenswürdigkeiten durchfahren, danach wieder die Noceschlucht bei der hohen Staumauer überquert. Navigation ist nun wichtig, um nicht die falsche Richtung zu erwischen – sonst würden wir auf der Autobahn nördlich von Trient landen statt über den Gampenpass zurück nach Lana zu fahren. Irgendein Glücksfall hat mich auf eine Besonderheit aufmerksam gemacht, die uns in SANZENO (eigentlich San Zeno, einem Kirchenpatron) erwartet.

So kann Anni die scharfe Abzweigung nach links erwischen, die uns auf den Vorplatz einer mächtigen Kirche bringt. Diese lassen wir aber vorläufig nur so nebenbei auf uns wirken, denn inzwischen ist schon Mittag längst vorbei, und Durst und Hunger überwiegen – also angenehme Pause auf einem Bankerl gegenüber der Basilika der hl. drei Märtyrer.

Die Geschichte dieser NONSBERG genannten Gegend am östlichen Gebirgsrand zwischen Ortler- und Brentagruppe reicht bis in die Antike (und sicher noch weit in die Frühgeschichte) zurück. So ist auf der “Tavola Clesiana” 46 n. Chr. von Kaiser Claudius den Bewohnern des Valli di Noce das Bürgerrecht verliehen. In Sanzeno gibt es überdies ein Museum über die Räter, einen Volksstamm der alpinen Ureinwohner. Zum Glück gibt es einen guten Kirchenführer (auf Deutsch), aber wie meistens (auch später in San Romedio) sollte man diesen vor Betreten des Heiligtums durchlesen, wozu aber die Zeit oft zu sehr drängt…

AB Portal und Kirchenschiff der Märtyrer-Basilika Sanzeno

Die auf romanischen Bauteilen errichtete Kirche ist ein Werk der Gotik, der Barockaltar von 1771 passt sich überraschend harmonisch in den gegenüber dem Langhaus klein wirkenden Chor ein. Uns ist das Detail mit König David aufgefallen, der seine Harfe vor einer alpinen Landschaft zu schlagen scheint…

Rechts gelangt man in die “Kapelle der Märtyrer”, Rest der ursprünglichen Kirche und ehemalige Sakristei. Darunter wurden Begräbnisstätten aus  römischer und altchristlicher Zeit entdeckt. Die “moderne” Ikone (1990) steht auf dem Sarkophag mit Erd- und verbrannten Knochenresten der Märtyrer, die im 4. Jahrhundert den (noch ungenügend bekehrten) Heiden zum Opfer fielen. Die Wände tragen wertvolle Fresken aus dem 12. Jahrhundert. Nach altem Brauch umrunden wir die Kirche mit ihrem freistehenden romanischen Turm und stoßen dabei auf die kunstvollen Reliefs, die durch die Waldschlucht bis zum Heiligtum San Romedio den Pilgerweg begleiten – der Jakobsweg ist uns schon vorher neben unserer Rastbank aufgefallen.

In der Ortsmitte von Sanzeno weisen Schilder die Zufahrt in eine enge Waldschlucht, und oberhalb der schmalen Seitenstraße verläuft in den Felswänden ein wohl überaus eindrucksvoller Steig auf der Trasse eines ehemaligen Bewässerungskanals – für diesen “Waalweg” reichte unsere Zeit nicht, so wie es uns oft geht, dass wir für einen weiteren Besuch noch immer reichlich Interessantes auf Vorrat hätten… Wir benützen das Auto daher auch bis zum Parkplatz, wo der Aufstieg zu San Romedio beginnt.

Beim Aufstieg auf dem mit Steinen gepflasterten und in steilen Stufen angelegtem Pilgerweg taucht dann unvermittelt – wie eine mehrstöckige Burg – das berühmte Nonsberger Heiligtum auf, leicht zu erkennen wie einzigartig sie auf einen hohen Felsen in der dunklen Schlucht getürmt ist und uns in der Nachmittagssonne entgegen leuchtet.

Durch das “äußere” Eingangsportal betritt man den Loggiahof des im 17. / 18. Jahrhundert großzügig angelegten Pilgerhospizes. Dort beginnen die endlos steilen, insgesamt 131 Stufen, die bis zur höchsten Spitze hinaufführen, zuerst noch am Hang eines Vorhofes, dann im Inneren des Bauwerks, das wir nun Schritt für Schritt erklimmen. Es wird hier schon ein Verhalten wie in einer Kirche erwartet – die etwa 250 000 jährlichen Besucher müssen zusätzlich auf ihr Handy verzichten (weil in der Schlucht zum Glück kein Empfang ist).

Schon beim “inneren” Torbogen befinden sich beiderseits zwei Kapellen, rechts die Georgs-Kapelle mit dem kleinen Märtyrer-Altar (siehe Sanzeno) und Fresken. Dann zieht die Stiege im Freien, an Stationen einer “Vita dolorosa” vorbei in den Hauptbau hinauf.

Motiv "Tagwache" unter "Nachtwache" am Ölberg

Das fast schwindelnd zu erklimmende Stiegenhaus ist über und über mit Votivgaben behängt – neben Ansichten von Romedius gibt es Danksagungen vor allem für Kinder, und immer wieder hängen hier “Trenschparterl” (wie bei uns die Babylatzerl heißen)! Weiter oben sind an der Decke Krücken gestapelt, von historischen bis zu aktuellen mit Plastikgriffen… All das weist auf die noch immer aktuelle äußerste Beliebtheit der Wallfahrtsstätte hin, die zwar ab dem 10. Jahrhundert ausgebaut wurde, aber schon auf ein vorchristliches Heiligtum zurückgeht – in all diesen Zeiten versammelten sich Menschen bei diesem einem Glockenturm gleichenden Felsgebilde inmitten der abgründigen Schlucht.

AB Viele Votivgaben sind für gerettete oder gesunde Kinder gewidmet

An der linken Seite öffnet sich nun die Kapelle des Erzengels Michael mit Barockaltar und Rankenmalerei im Gewölbe.

Aber es geht über die leicht gewendelte Treppe immer noch höher, am eigentlichen Heiligtum des Hl. Romedius vorbei, zu einem grandiosen Aussichtsbalkon hoch über der Schlucht.

AB Aus- und Tiefblick von der Turmgalerie, rechts ein "magischer Kopf" an der Dachecke

Die “Große Kirche” des Hl. Romedius haben wir uns nach dem “Luftschnappen” hoch über der schon teilweise im Schatten versinkenden Schlucht für den Abstieg aufgehoben.

AB Romedius-Kirchenraum mit Altar und romanischem Portal zur Reliquenkapelle

Durch dieses um 1200 errichtete Portal betritt man das “Herz der Wallfahrtsstätte”, in jüngerer Zeit freigelegte Fresken gehen ebenfalls auf die Zeit der Romanik zurück. Nun stehen wir auf der Spitze des Felsens, wo die Schüler des Hl. Romedius die alte Kirche auf den Grundmauern eine entweihten heidnischen Tempels erbaut haben sollen. Durch eine Art Lettnerwand abgetrennt befindet sich rechts die auf die Epoche um 1120 zurückgehende Reliquienkapelle, darüber ein Steinbaldachin, dessen Säulen Kapitelle in langobardischem Steil tragen.  Reste aus den ältesten Zeiten sind auch Fresken mit u.a. dem Motiv “Kämpfende mit Meeresungeheuern”, alles symbolhaft und äußerst mystisch…

Nur schwer können wir uns von diesen Eindrücken trennen, denn wohl noch nie ist uns eine so überwältigende Kultstätte untergekommen – wenn auch gegenwärtig eher von regionaler Bedeutung im Trentino, hat sie doch in der Vergangenheiten zu den bekanntesten Pilgerstätten des Alpenraums gehört!

Als wir beim Abstieg wieder ins Freie treten, wandert das Sonnenlicht schon hinauf zum höchsten Turm von San Romedio, die Schatten treten aus den Schlünden hervor, und nur die letzten Strahlen fallen über den Felsrand herein.

Beim Abstieg und am Rückweg zum Parkplatz gibt es noch stimmungsvolle Blicke, dann ist San Romedio für uns schon Vergangenheit. Wir fahren durch die Schlucht hinaus nach Sanzeno zur Hauptstraße Richtung Gampenpass. Die Fahrt zurück nach Lana durch die abendlich leuchtende Landschaft passt abschließend bestens für diesen erlebnisreichen Tag in Nonsberg. Es hätte sich noch einige Male gelohnt, stehenzubleiben und zu schauen, gereicht hat es nur für diese alte Kirche (wohl nahe Fondo und auch nur wegen einer Straßenumleitung). Aber wenn wir uns wieder in Lana aufhalten oder eine Reise in die südliche Ortler-Adamello-Region machen, hierher kommen wir bestimmt wieder, und wenn es nur darum geht, den Felsenweg nach San Romedio zu bewandern…

AB Abschied von San Romedio

AB Proveis und Laurein

Bei unseren wiederholten Südtiroltouren (von Lana aus) kamen wir schon über den Gampenpass zum Marienwallfahrtsort Unserfrau im Walde und nach St. Felix. Beide Gemeinden liegen zwar bereits an der Südseite des Gebirgskammes zwischen “deutschem” und “welschem” Gebiet, wurden aber von der Tiroler Seite her besiedelt – daher der Name Deutschnonsberg. Westlich dieser beiden Orte und hoch über den nach Süden weisenden Tälern, wo man schon in die Nähe der Brenta kommt, befinden sich zwei noch viel abgelegenere Dörfer – PROVEIS und LAUREIN. Beide gehören seit 1972 (der unter Kreisky erreichten effektiven Südtirol-Autonomie) ebenfalls zur Provinz Bozen und sind seit dem Mittelalter vom Ultental her besiedelt worden (vorher ein Almgebiet der talabwärts gelegenen Orte der Provinz Trient). Erreichbar waren Proveis und Laurein aber nur über den weiten Umweg von Fondo im italienischen Nonsberg – bis 1999 nach langwierigen Bestrebungen die Straße von St. Pankraz im Ultental über das Hofmahdjoch gebaut wurde.

AB Bergbauernfluren auf 1400 m, hoch und steil über den nach Süden weisenden Tälern

Uns war nur ungefähr bekannt, dass aus dem vorderen Ultental eine neue Passstraße hinüber zu diesen Bergdörfern führen sollte. So richtig aufmerksam auf dieses (für unseren Urlaub in Lana besonders lohnendes) Ziel wurden wir durch  eine ORF-Sendung von Sepp Forcher vor ein paar Monaten, wobei er auch noch einen ganz außerordentlichen Wallfahrtsort präsentierte (über diesen später).

Urlaubsfahrt am Mittwoch, 18. Oktober 2017

Dritter Urlaubstag (nach Passeiertal und Schloss Trauttmansdorff), ideales Wetter – wolkenlos, im Tal leicht dunstig, morgens kühl, tagsüber sehr mild. Start in Lana vor 9 Uhr und kurvig samt Baustellen hinauf ins stark befahrene Ultental, endlich die Abzweigung Richtung Proveis, schon wird es vollkommen ruhig… Um einen noch mit Bauernhöfen besetzten Bergrücken herum geht es in das zunehmend urige Marauntal hinein. Die Straße ist bestens ausgebaut, mit Lawinengalerien und schließlich einem langen Scheiteltunnel unter dem Hofmahdjoch. Dann öffnet sich die Landschaft in die “südliche Weite”, möchte man meinen, aber noch folgt zügig bergab ein enger Graben, dann scharf rechts die Seitenstraße hinauf nach Proveis.

In Anton von Lutterotti´s  ”Südtiroler Landeskunde” (Arthesia 2000) heißt es treffend: “In Proveis vermeint man eine besonders freie Luft zu atmen”. Eine freundliche sonnige Weite liegt über dem hohen Hang, voraus die hochragende Kirche, ein paar enger gescharte Häuser, sonst nur Wiesen und Baumgruppen, über die Gegend verstreute Gehöfte.

Das einzige von uns bemerkte Gasthaus und der einzigartige Kaufladen!

Dort werden wir uns nachher noch eine genaue Karte vom Nonsberg besorgen und den typischen, im Haus hergestellten “Proveiser Speck” mitnehmen. Aber vorerst lockt uns die Kirche, und dorthin geht man am blumigen Ortswappen vorbei durch den Friedhof.

Dieses Grabmal erinnert an den wohl berühmtesten Proveiser – Curat Franz Xaver Mitterer (+ 1899), auf den der Neubau der großen Kirche zurückgeht. Er sorgte sich aber vor allem auch um die seit altersher deutschsprachigen Bewohner (obwohl bereits vor langer Zeit den Pfarren unten im italienischsprachigen Nonsberg die Entsendung eines “teutschen” Priesters nach Proveis aufgetragen worden war). Um die Verdienstmöglichkeiten der Bergbauern zu erweitern, gründete er sogar Fachschulen (für Spitzenklöppelei und Korbflechterei). Aber auch ein anderer Denkstein ist uns aufgefallen:

Daneben pure Idylle, wie Lutterotti schreibt, verlockend zu einer Sommerfrische, obwohl sich der Tourismus vermutlich noch erst entwickeln muss in dieser erst kaum 20 Jahre mit der “Außenwelt” besser verbundenen Einschicht.

AB Sommerfrischlerbankerl und Dorfplatz

Der Turm der alten Kirche (bezeichnet 1543) steht frei neben dem im 19. Jahrhundert aufgeführten Langhausbau, der altertümlicher wirkt als er tatsächlich ist.

AB Kirchenraum und Dorf- bzw. Kirchenplatz

Daneben das Gemeindeamt (mit Bücherei, wie selbst in den kleinen Dörfern, sicher auch Arzt und Polizei – ein Carrabinieri in fast majestätischer Uniform ist mir bei der Orteinfahrt aufgefallen). Was es da alles gibt – gegenüber steht das Schulhaus, und die Kinder haben gerade Pause oder Turnstunde (erinnert mich an Annaberg). Ich kann mich nicht zurückhalten und marschiere geradewegs auf diese Szene zu, stelle mich der netten Frau Lehrerin vor und frage sie gleich ein wenig über ihren Dienstposten aus… Die gesamte Grundschule (1. bis 5. Schulstufe) hat zehn Kinder. Erinnert mich auch an Annaberg – bei meinem Dienstantritt hatte ich in der 4. bis 8. Schulstufe (gab es 1961 noch) insgesamt 36 Schüler, heute bringt die Gemeinde so um die 10 Kinder auf und freut sich jedes Jahr, wenn es ein paar mehr werden könnten… Aber immerhin besteht die Annaberger “Zwerglschule” so wie die in Proveis noch immer! Hoffentlich nimmt die Politik auch weiterhin ihre Verantwortung wahr… (und nicht nur Geld und Profit und Rationalisierung regieren die Welt).

Wer die Fotografin war, weiß ich leider nicht (eine Zweitlehrerin oder Hilfskraft), auch nicht ob die Lehrerin (hatte übrigens eine kräftige bestimmende Stimme) zufährt oder im Ort wohnt oder sogar hier heimisch ist. Immerhin haben Anni und ich dann beim Weiterweg von hinten ins Schulhaus geguckt – die Neugier hat sich ausgezahlt, dort sah man in den Computerraum, so viele Bildschirme wie Kinder draußen am Schulvorplatz gerade beim Foto!

AB Panorama Proveis und Stimmung "Berglage"

Anschließend spazieren wir auf einer Runde um das Dorf bergwärts herum, vorbei am Neubau “Lehrershof” (ob dieser etwas mit der Schule zu tun hat?) zu den nächsten am Hang gelegenen Gehöften. Die baulichen Unterschiede sind auffallend, völlig neue Häuser, andere mit Resten aus einer eher dürftigen Vergangenheit, aber insgesamt “heim(at)lich” – nicht als Landsitze oder Feriendomizile, sondern Wohnsitz.

Kühl am Morgen, schon herbstlich eingeheizt, aber jetzt angenehme Sonnenwärme, bunte Buchen und Kirschbäume, das Hausackerl abgeerntet, manche Wiesen frisch gemistet… Der nächste Hof (Obergampen?) wirkt wie eine Burg, seine Altteile stehen anscheinend vor der Renovierung, die alten Reste erzählen aus einer noch schwereren und dürftigen Zeit… noch dazu in dieser deutsch sprechenden Enklave zuhöchst am Berg.

AB Ein Berghof wie eine Burg...

AB Der alte Stall (mit Schutzpatron über dem Türl?) und Weiterweg ins herbstliche Berglicht

Quer über die Wiesen, die anscheinend zur Bewirtschaftung aufgeteilt sind, wandern wir wieder zum Dorf hinunter.

Wieder im Dorf – da gibt es die Anna-Kapelle, ein Christophorusbild im Steinrahmen und ein “Bauerngartl” für den Hausgebrauch (sogar mit Vorrichtung zu einer schützenden Abdeckung).

Haben wir bei unserer Ankunft eine kleine Besuchergruppe gesehen, ist es jetzt vor Mittag ganz ruhig geworden. Im “Bergladele” werkt eine junge freundliche Frau, und wir bekommen sogar eine genaue Karte vom Nonsberg, dazu noch den Proveiser Speck zum Mitnehmen. Was wir suchen und noch nicht genau orten können, ist die vom Sepp Forcher gezeigte Wallfahrtsstätte San Romedio. Doch auch dafür gibt uns die Bergladelefrau die nötigen Auskünfte mit, danke, wir werden sie nächstes Jahr (wenn alles gut geht) wieder aufsuchen und mehr von ihren Spezialitäten einkaufen.

AB Berglandschaft Nonsberg

Im Bergladele vorgewarnt nehmen wir nicht den Fahrweg über die Berghöhen weiter, sondern fahren hinunter in den tiefen Graben, talaus bis Schmieden und gerade noch rechtzeitig vorher abgezweigt hinauf in das nächste Bergdorf – Laurein.

AB Kirche Laurein, vom Friedhof umgeben, mit Blick gegen Süden Richtung Brenta

Laurein wirkt nüchterner, weniger anheimelnd “tirolisch” als Proveis, obwohl weiter im Tal gelegen. Zum Ortsbild passt fast dieser historische Briefkasten – der könnte auch sicher alle möglichen alten Geschichten erzählen…

Wir hätten jetzt die Möglichkeit, über das Brezerjoch nach Castelfondo (von dort wurde in Völlan ein bemerkenswert uriger Käse angeboten!) und bis Fondo an der Gampenstraße zu fahren. Aber wir wollen ja noch das Felsenheiligtum San Romedio aufsuchen. Dazu geht es weiter hinunter ins Tal zu einem großen Stausee bei der sicher auch sehenswerten Stadt Cles. Wie weit wir nun schon gekommen sind, zeigen die Straßenschilder Richtung Madonna di Campiglio! Sobald wir aber den Abschluss des Lago Santa di Giustina überquert haben, sind wir schon an der Straße Richtung Fondo und Gampenpass. Irgendwo müssen wir in die Schlucht mit dem Heiligen Romedius! Aber die Beschilderungen sind dieses für uns zwar neuen, aber sicher lokal überaus berühmten Ortes würdig – die Abzweigung erfolgt in Sanzeno, und dort geht es beim nächsten Beitrag weiter… alles überraschend und eindrucksvoll!

Traditionelles Kastanienfest in Völlan / Lana / Südtirol am Sonntag, 15. Oktober 2017

Schon am ersten Tag unseres heurigen Südtirolurlaubes in Lana bei Familie Irmgard und Sepp Pircher / Hofmannshof ergaben sich zwei außerordentliche Möglichkeiten – wir verzichteten aber auf (das schon einmal erlebte) Meraner Traubenfest und fuhren mit dem Shuttlebus von Lana in das hoch am Berg gelegene Dorf Völlan.

Die Mayenburg hoch über Lana

Das ausgeklügelte Zubringersystem mit viertelstündlich verkehrenden Bussen verhindert zwar einen Stau auf der Bergstraße, aber vom Parkplatz bei der Mayenburg hinauf ins Dorf und sogar am “Keschtnweg” wimmelt es nur so von Besuchern. Wir kommen gerade zur Eröffnung zurecht, mit Aufmarsch der Musikkapelle, alle in Tracht und voll in Schwung!

Zwei Haflinger-Reiterinnen eröffnen den Aufmarsch der Musikkapelle

Wir begeben uns aber aus dem Getümmel hinauf zur auf einem Felskopf ragenden Pfarrkirche.

Die Dorfkirche reicht in die Zeit der Gotik zurück

AB Kirche Völlan

Da es noch nicht Mittagszeit ist, gehen wir gleich weiter zu dem in den letzten Jahren angelegten KESCHTNWEG, einem Info- und Erlebnispfad in den Kastanienhainen – auf Südtirolerisch KESCHTNHOANDLN oberhalb des Dorfes, zwischen Waldrand und Obstgärten, quer durch die Edelkastanienbestände in einer Art von alpinen Streuobstwiesen.

Die oft uralten Kastanienbäume – hier in besonders markantem Drehwuchs – werden durch Zuschneiden immer wieder erneuert und verjüngen sich mit dem Neuaustrieb.

Die Infotafeln ergeben einen intensiven Eindruck über diese einst als Volksnahrung geltende, heute eher als bäuerliche Delikatesse betrachtete Frucht, die zu allen kaum denkbaren Produkten verarbeitet wird. Anni hat selber nach dem Urlaub zuhause ein Kastanienbrot gebacken. Eine üppige Köstlichkeit sind die Kastanienherzen – ein Schokoherz, gefüllt mit Kastanienpürrè und garniert mit Schlagobers…

Neben dem Weg befindet sich ein kleiner Waldteich, gespeist aus den am Fuß des steilen Berghangs entspringenden Quellen. Danach folgen wir einem Seitenweg zur malerisch neben dem Lehenhof gelegenen Magdalenenkapelle.

AB Magdalenenkircherl

Dann geht es zurück zum kleinen Waldteich und ein besonders idyllisches Wegstück entlang.

Eine ganz großartige Idee war, die Kunst in der Landschaft zu thematisieren. Gerade wo sich aus dem Kastanienhain ein Blick zum Iffinger bei Meran 2000 öffnet, steht ein Bild des in Lana`er Künstlers Ernst Müller. Wir konnten eine Ausstellung seiner Ölgemälde bei einem Lanaurlaub 2011 im Schloss Katzenzungen bei Tisens / Prissian sehen. Seine Werke fangen die Landschafte (nicht nur Südtirols) ein eindrucksvoller Weise ein, für uns eine herrliche Erinnerung an diese Begegnung – bei den Pirchers war der “Ernst” selbstverständlich gut bekannt, wir lernten ihn zu bewundern…

Danach wendet sich der Weg in sanftem Bogen, nachdem wir einige stufige Hohlwege und Zaunraine passiert haben, wieder in Richtung Völlan, nun eher in freiem Gelände mit weitem Ausblick und malerischen Motiven.

AB Rückweg durch die Kastanienhaine, mundartlich “Keschtnhoandl”.

An einem Bildstock mit martialischer (typisch urkatholischer) Inschrift (so halten Obrigkeiten die “Leute” nieder) und einem kleinen Feuchtbiotop mit Rastplatz vorbei kommen wir schließlich zum Gehöft am Start des Kastanienweges.

“Das ist da Aug´so alles siecht. So gar auch was in Wincklen gschicht”.

Inzwischen ist in Völlan die mittägige Ausschank schon voll im Gang, gerade dass wir noch ein Platzerl bei einem der zahllosen Tische erwischen. Es gibt von der gar nicht so kleinen Speiskarte allerhand Köstliches, daneben spielen die Alphornbläser, während sich die Musikkapelle schön langsam zum Privatplauscherl aufmacht. Die in eisernen Pfannen über offenem Feuer gebratenen Kastanien sind zwar vielfach schwarz angekohlt, aber gerade diese schmecken am besten (lösen sich leicht von der Schale), und zum Fingerputzen wird (neben Plastikbesteck und einem Butterwürferl!) auch ein Reinigungstücherl gereicht…

Dazu gibt es noch den “Suser” (einen roten Sturm) und an einem eigenen Stand die kastaniellen Süßspeisen. Das Fest wird sicher noch lang dauern, aber wir machen uns (mit einigen Einkäufen) auf den Weg zum Bus, der uns hurtig nach Lana zurückbringt.

Dorffest mit traditionellem Umzug in Tisens am 22. Oktober

Am nächsten Sonntag gab es – am einzigen (leichten) Regentag der zwei Urlaubswochen – das nächste Fest in Tisens, leicht erreichbar über die Gampenstraße und dann mit zeitweise aufgespanntem Regenschirm zu Fuß in diese schöne Ortschaft. Zwar war der Umzug schon vorbei, aber es gab noch allerhand typisches  Dörfliches zu sehen.

Hier sind noch zwei Bilder vom “Keschtnbroatn” (wenn ich den Mundartausdruck so richtig gefunden habe). Zuerst werden die Früchte mit einigem in der Luft wenden gebraten, dann kommen sie in den “Keschtnriggl” (einen eigens dafür geeigneten Korb) und werden “gerigglt” (geschüttelt), dass die Schalen abgelöst werden.

Somit sind die offiziellen Feste vorbei, und wir können uns wieder der Natur und den Ausflugszielen rund um Lana und Meran zuwenden!

Teil II Von der Glockner-Gruppe zum Großvenediger

Fortsetzung meines nostalgischen Berichts! Wir sind am Weißsee bei der Rudolfshütte angekommen – damals ziemlich neu und Trainingszentrum für die Schinationalmannschaft, also ein berühmter Alpinplatz für diese  Zeit.

Zu beachten (schon historisch) – Mitte Juli, Schneelage am Medelzkopf und Tauernkopf, für -Sommer-Schitouren gerade richtig! Vergleich mit Mitte August 2017: Steinwüsten mit blanken Resteisfeldern an der Dreitausendergrenze.

Obwohl wir schon allerhand hinter uns haben – Sonnblick und Hocharn, zweimal Großglockner – und schon ganz verwildert ausschauen, noch dazu Schuhe und Socken nie trocken geworden sind, lassen wir unser Ziel nicht aus den Augen. Weiter geht es zum Großvenediger, denn die Haute Route des Tauern-Höhenweges müssen wir einfach packen!

Hier stehe ich  in der voll tief verschneiten Scharte neben dem Stubacher Sonnblick, schon weite Firnfelder hinter uns, aber ideales Schönwetter, über Nacht hart gefrorener Firn und endlose Sonne. Übrigens unser Sonnenschutz – damals (schon wieder damals) Tschambafi, ein angeblich von den Tibetanern stammender Gerbstoff zur Anpassung der Haut, Lichtschutzfaktor wahrscheinlich Null… Unsere Rucksäcke sind inzwischen kaum leichter geworden, aber nun geht es auf das Herzstück des St. Pöltner-Ostweges zu. Dieser führt über einige Gipfel und Grate, wobei die Amertalerhöhe so harmlos klingt, dabei schroffes und noch dazu verschneites und vereistes Felsgelände aufweist. Noch dazu liegen in diesem Sommer Unmengen von Firn – auf den Felsplatten eines Grates haushoch! Irgendwie müssen wir da durch, Abstieg – Querungen – Aufstiege zu Graten, die total vereiste Amertaler Scharte, alles eine einzige Herausforderung. Aber wir waren gerade vor dem 20. Geburtstag, ich Löwe, Werner Jungfrau, aber er der Sahib und ich der Sherpa, wobei Sahib Werner wie immer die Führung hatte.

Am Ende dieses langen Tages kommen wir über den noch völlig zugeeisten Grünsee zum Felber Tauern mit der St. Pöltner Hütte. Unser besonderer Bezug – mit der Alpenvereinssektion St. Pölten haben wir ein Jahr zuvor ein Schitour auf die Kräuterin gemacht, und ich bin heute noch Sektionsmitglied. Einen entfernt Bekannten aus meiner Heimat haben wir auch dort getroffen, den Hüttenwirt Helmut Strohmeier, wenn ich den Namen richtig in Erinnerung habe. Und am folgenden St. Pöltner-Westweg kam uns (als einzige Begegnung) die Familie Schenk entgegen, ebenfalls vom St. Pöltner Alpenverein. Wir konnten aber erst  näher der Prager Hütte ihre Spuren teilweise nachgehen, bis dahin folgten endlose Querungen oft steiler Firnhänge, durch die hohen Kare über dem Tauerntal von Innergschlöss.

St. Pöltner-Westweg von der St. Pöltner zur Prager Hütte

Unsere “Bilddichte” wurde schon spärlicher, denn Diafilme nachzukaufen gab es nur auf der Franz-Josephs-Höhe und in der Rudolfshütte. Ich glaube, jetzt bei Kodak angelangt zu sein, nachdem Werner am Ostweg sein Material verschossen hat (und mir dann mit Duplikaten ausgehalf), nach mehr als 50 Jahren ist der Kodak noch immer nicht “verfallen”, während bei den Agfafilmen sich mit Farbflecken und Punkten schon Verfallserscheinungen häufen. Zum Glück kann die Digitalbearbeitung nach dem Diascan allerhand verbessern – zumindest für den Hausgebrauch, Bücher könnte man damit nicht illustrieren!

Die Kristallwand mit dem Schlattenkees – wie weit wird dieser Gletscher in der Zwischenzeit zurückgeschmolzen sein? Danach queren wir die Gletscherzunge und blicken zurück auf unsere weite Strecke von der Glocknergruppe her.

Kondition und Wetter halten an, der Firn hinauf zur Venedigerscharte ist hart gefroren, ich glaube nicht einmal die Steigeisen haben wir gebraucht. Ein späterer Wunschgipfel zeigt sich auf dem letzten Bild mit Werner – die Hohe Fürlegg über dem Hollersbachtal. Diese wollte ich 20 Jahre später mit Anni besteigen, doch zu dieser Zeit waren die abschmelzenden Gletscher schon so spaltenreich, dass wir auf diese Tour (zu Zweit!) lieber verzichtet haben…

Bei der Kürsinger Hütte war dann Schluss, und wir stiegen nach 10 Tagen in der Hochregion, dabei oft über 3000 m oben, durch das Obersulzbachtal wieder in die “Talwelt” zurück. Allerdings mit dem Großvenediger im “Erinnerungsgepäck”, und nach all den Jahren kann ich mich eigentlich nur an die Hochgefühle und alpinen Abenteuer erinnern, viel lebhafter als an die Anstrengungen und die schweren Rucksäcke und die immerzu aufgeweichten nassen Bergschuhe… es war nur schön! Und meinem Freund Werner bin ich noch immer dankbar und verbunden für diese unvergesslichen Jugenderlebnisse.

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